Homeschooling und digitale Bildung: Ein Schritt zurück in der Zukunft?

Liebe Leserinnen und Leser,

wie stellen Sie sich Homeschooling Unterricht vor – mit allem Drum und Dran?

Ein Vorschlag – wie klingt das für Sie:

ein TV-Studio mit drei Dozentenplätzen, vier Kameras, die unterschiedliche Perspektiven festhalten, ein professionelles Audiosystem – live übertragen in die Häuser und Wohnungen der SchülerInnen. Fragen, die direkt übermittelt und besprochen werden können. Und im Anschluss? Die Möglichkeit, Lern-Sessions ganz nach Wunsch flexibel abzurufen.

Ich finde, das hört sich ziemlich zeitgemäß an oder was meinen Sie?

Was, wenn ich Ihnen nun verrate, dass dieses Setup bereits vor 22 Jahren so praktisch umgesetzt und sich auch damals bereits praktisch bewährt hat? 1999 war ich Leiter des Media-Design-Akademie-Standortes in Regensburg. Die private Hochschule mit insgesamt 10 Dependancen bildete unter anderem IT-Manager in ganz Deutschland aus. Schon damals waren „Fernkurs-Programme“ bei vielen SchülerInnen äußert beliebt. Sie boten unschlagbare Vorteile: Die Teilnahme war aus jedem noch so kleinen Dorf möglich und auch StudentInnen mit Einschränkungen in der Mobilität oder beispielsweise Alleinerziehende konnten so bequem die Möglichkeit nutzen, sich weiterzubilden und an der eigenen beruflichen Zukunft zu arbeiten.

Natürlich waren die Netzwerkverbindungen vor 22 Jahren noch nicht auf heutigem Stand. Wir konnten nur auf ISDN Leitungen mit 64 kBit/s zurückgreifen. Für die Live-Übetragung nutzten wir eine eigene Sende-Station auf dem Dach der Schule, die das Signal zum Astrasatelliten schickte. Über den Astrasatelliten haben wir dann das Signal wieder zurück auf die Erde gesendet. In den Rechnern, die die SchülerInnen von uns bekamen, war eine Satelliten-Empfangskarte eingebaut. Über eine digitale Sat-Schüssel auf dem Dach (die damals auch noch äußerst rar war) konnten die SchülerInnen die Vorlesungen empfangen – wie eine Live-Fernsehsendung mit Bild und Ton. Auch der Austausch mit den DozentInnen funktionierte: Eine Software regelte die Nutzung eines Audio-Rückkanals über die ISDN-Leitung. So waren die TeilnehmerInnen immer Live mit dem Studio verbunden und konnten Fragen stellen.

Visualisierung der Learning Plattform der Media-Design-Akademie.

Die Unterrichtseinheiten dauerten in der Regel 3-4 Stunden am Vormittag. Der Nachmittagsunterricht, der um 13.00 Uhr begann, war Workshops gewidmet. Hier bestimmten die SchülerInnen ihre Lerninhalte und Unterrichtszeiten ganz flexibel. Gerade für berufstätige oder alleinerziehende TeilnehmerInnen war das besonders wichtig. Pro Kurs nahmen circa 1.400 Personen parallel die Lernangebote wahr.

Verfolgt man aktuell die Diskussionen ums Homeschooling und vergleicht man die Angebote, die in diesem Bereich heutzutage gemacht werden, bin ich oft erstaunt. Heute streamen wir Medieninhalte wie die Weltmeister, telefonieren mit frei verfügbaren Software-Tools mit Menschen aus allen Teilen der Welt. Im Bereich Homeschooling hingegen scheint es teilweise, als wären selbst Sat-Schüsseln und ISDN-Verbindungen noch in der Lage, Bildungseinrichtungen in die Zukunft zu katapultieren. Dabei ist heute sovieles leichter realisierbar als damals. Schneller, verfügbarer, einfacher in der Bedienbarkeit.

Ist das nicht verrückt?

Dabei ist es nicht so, dass ich per se ein negatives Bild zeichnen möchte von unseren Schulen in Deutschland. Schließlich waren die Grundvoraussetzungen in unserer privaten Hochschule auch andere als die der staatlichen Schulen.

Einzig: Die Unterschiede in den Niveaus digitaler Bildungsangebote sind gewaltig! Ich erlebe das täglich. Meine beiden Söhne besuchen unterschiedliche Schulformen. Der Kleine eine Gesamtschule, der Große das Gymnasium. Während bei dem einen die Lerninhalte gut vermittelt werden und auch der Austausch unter den SchülerInnen und LehrerInnen mühelos funktionieren, hapert es bei dem anderen teilweise an einfachsten Selbstverständlichkeiten wie dem Einhalten einer Ordnerstruktur beim Teilen von Material. Das frustriert die Kinder und Jugendlichen. Sie finden schlichtweg nicht mehr die Inhalte, die sie zum Lernen und Hausaufgaben machen brauchen.

Die Digitalisierung der Schulen endet noch immer vielfach mit dem Übersenden von pdf Dateien statt Arbeitsblättern. Das hat mit digitalem Unterricht nichts zu tun. Für die Zukunft wünsche ich mir gute Konzepte. Und die sind umsetzbar! Ich stelle mir eine neue, fächerübergreifende, projektbasierte Herangehensweise an Unterricht vor.

Endgeräte anzuschaffen und aufzustellen greift zu kurz.

In den Technologien stecken unendliche Möglichkeiten, die ganz neue Perspektiven zur Vermittlung von Wissen eröffnen: So kann ich im Physikunterricht nicht einfach lernen, eine Formel umzustellen und Kräfte zu berechnen. Sondern: Ich kann 3-D-Modelle von Motoren zeichnen, den Motor grafisch in Einzelteile zerlegen, simulieren, welche Kräfte miteinander wirken – und so besser verstehen, was im Inneren eines Fahrzeugs vor sich geht. Unterricht muss kein 45 Minuten „Häppchen-Lernen“ sein, sondern es kann lebensnah werden und damit wirkungsvoller und bedeutender für die Kinder.

Vor 22 Jahren hätten wir uns nicht träumen lassen, was heute alles möglich ist. Höchste Zeit, das Potenzial auszuschöpfen und es im Hier und Jetzt real werden zu lassen.

Bernhard Zwosta

About the Author: Bernhard Zwosta

Bernhard Zwosta startete seine Karriere bei Dell Technologies vor 15 Jahren als Coaching und Trainings-Teamleiter für die Standorte Halle und Bratislava. Seit 2008 ist er Betriebsratsvorsitzender. Zuvor war er selbstständig, u.a. als Trainer für unterschiedliche Bildungsträger. Darüber hinaus leitete er die Media-Design-Akademie, eine private Hochschule in Regensburg.